Elisabeth Thesing-Bleck

Pflanzenliebhaberin

Blühwunder im Märchenwald

Pünktlich zum Maifeiertag ist es wieder soweit. Die Blaue Blume der Romantik öffnet ihre Blüten. Nur an ganz wenigen Stellen in Deutschland kann man dieses beeindruckende Naturschauspiel erleben. Sonnendurchflutete Waldböden unter dem noch frischen Maigrün des Buchendachs verwandeln sich in ein blaues Blütenmeer. Die blauen Hasenglöckchen sind erwacht.

Engländerinnen und Engländer sind seit Jahrhunderten von dem Naturschauspiel der blauen Blumen verzückt, die in Englisch „Blue Bells“  heißen. Briten scheinen so närrisch auf dieses Schauspiel, dass sie sogar eine ganze historische Eisenbahnlinie danach benannt haben, die Bluebell Railway. Das ist eine 17,5 km lange Eisenbahnstrecke in Sussex, Süd England, die bis heute mit Dampflokomotiven befahren wird. Darauf sind die Menschen in England mindestens genauso stolz, wie auf ihre blauen Blumen.

Das Atlantische Hasenglöckchen kommt in Deutschland nur an ganz wenigen Stellen vor. Und nur ganz wenige gut informierte Botanik-Kenner*innen wissen, dass diese Vorkommen ganz in der Nähe meiner Heimatstadt Aachen zu finden sind. Niemand weiß, wie diese seltenen Blumen dort hingekommen sind. Deshalb stehen sie unter strengsten Naturschutz. Und auch der Zuweg ist nicht so ohne weiteres möglich.

Das größte und spektakulärste Vorkommen dieses Blütenwunders findet man auf dem Gebiet des Ortsteils Doveren, der zur Stadt so Hückelhoven in Nordrhein-Westfalen gehört. Die Einwohner sind so stolz auf ihren Blütenschatz, dass sie ihren Wald danach benannt haben, den „Wald der blauen Blumen“. Hier wächst das größte Wildvorkommen Deutschlands des Atlantischen Hasenglöckchens auf einer Fläche von der Größe von rund einem Dutzend Fußballfeldern. Da dieses Vorkommen ökologisch äußerst sensibel und empfindlich ist, kann man es nur zu Fuß erreichen. Der deutschen Schriftsteller und Pädagogen Hjalmar Kutzleb (1885-1959) drückt es wie folgt aus:


„Es blühet im Walde tief drinnen die blaue Blume fein,

die Blume zu gewinnen, ziehn wir in die Welt hinein.

Es rauschen die Bäume, es murmelt der Fluss,

und wer die blaue Blume finden will,
der muss ein Wandervogel sein.“

In der Nähe von Aachen findet man in weiteres, etwas kleineres Vorkommen in Floßdorf, einem Ortsteil der Stadt Linnich. Auch dieses Gebiet ist mit dem Auto nicht erreichbar und auch nicht mit dem Fahrrad. Die Zuwegung ist so grob geschottert, dass man ausgesprochen festes Schuhwerk benötigt, wenn man das blaue Wunder sehen will. Das dritte Vorkommen liegt zwischen Glimbach und Brachelen. Das Blütenspektakel lässt sich von der Kreisstraße 17 aus sehr gut mit dem Fernglas beobachten und mit einem starken Teleobjektiv fotografieren. Auch hier kommt man nicht so nah heran, dass man die Einzelblüten betrachten kann.


Das Atlantische Hasenglöckchen wird durch diese Maßnahmen extrem gut geschützt, weil es unter jedem Fußtritt zerbricht und danach sofort eingeht. Und auch das Abpflücken seiner zierlichen Blüten für die Vase mag es ganz und gar nicht. Aus der Ferne betrachtet kann das Bluebell-Blütenwunder in Deutschland zum Erlebnis für die ganze Familie werden.

Die Blaue Blume gilt als Symbol für die Romantik. Deshalb heißt sie auch „ Blaue Blume der Romantik“. Diese Bezeichnung drückt die romantische Sehnsucht nach dem Unerreichbaren, Unendlichen sowie Unbedingten aus. Außerdem wird die Blaue Blume der Romanik als Verbindung zwischen den Menschen und der Natur angesehen.
Blaue Blumen wurde zu einem Symbol der Wanderschaft, die sich in der Romantik entwickelte. Ihr Ursprungsmotiv lässt sich auf eine altdeutsche Sage zurückführen. Diese beschreibt, dass man nur nachts die blaue Wunderblume finden kann. Wenn man sie aber findet, dann wird man dadurch reich belohnt.

Joseph von Eichendorff schreibt dazu:

 

Ich suche die blaue Blume,
Ich suche und finde sie nie,
Mir träumt, dass in der Blume
Mein gutes Glück mir blüh.

Ich wandre mit meiner Harfe
Durch Länder, Städt und Au’n,
Ob nirgends in der Runde
Die blaue Blume zu schaun.

Ich wandre schon seit lange,
Hab lang gehofft, vertraut,
Doch ach, noch nirgends hab ich
Die blaue Blum geschaut.

Kommentare sind geschlossen.

Elisabeth Thesing-Bleck
Blühwunder im Märchenwald