Elisabeth Thesing Bleck 01
Elisabeth Thesing-Bleck 01
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Zeitumstellung

Zeit für einen anderen Blick

Wenn die Uhren zurückgestellt werden, bleibt die Sonne auf ihrem Weg

Zweimal im Jahr ist es so weit: Die Uhren werden umgestellt. Im Frühjahr rücken wir die Zeiger eine Stunde vor, im Herbst eine Stunde zurück. Und ebenso zuverlässig wie die Umstellung selbst ist die öffentliche Debatte darüber, wie belastend sie sei, wie sehr sie unseren Biorhythmus durcheinanderbringe und warum man dieses Ritual nicht endlich abschaffe.

Auch in diesem Jahr wird wieder darüber berichtet und geklagt. Doch ich frage mich: Ist die Umstellung unserer Uhren wirklich ein Anlass, sich vor allem zu ärgern? Oder könnten wir sie nicht auch zum Anlass nehmen, über etwas nachzudenken, das uns alle betrifft und zugleich weit über den Kalender hinausgeht: Über unsere Zeit und unser Verhältnis zur Natur?

Die Zeit gehört nicht uns

Zeit ist eine merkwürdige Größe. Wir messen sie in Sekunden, Minuten und Stunden, teilen sie in Termine ein und versuchen, möglichst viel in ihr unterzubringen. Wir sprechen davon, Zeit zu sparen, Zeit zu verlieren oder keine Zeit zu haben. Als könnten wir sie besitzen, verwalten und nach Belieben vermehren.Dabei können wir die Zeit selbst nicht verändern. Die Erde dreht sich um ihre Achse, die Sonne geht auf und unter, die Jahreszeiten kommen und gehen. Der Wechsel von Licht und Dunkelheit begleitet alles Leben auf unserem Planeten. Er ist älter als unsere Uhren, unsere Kalender und unsere Vorstellungen davon, wie ein Tag einzuteilen sei.

Unsere Uhrzeit ist dagegen eine menschliche Vereinbarung. Sie hilft uns, unser Zusammenleben zu organisieren, Arbeitszeiten abzustimmen und Verabredungen einzuhalten. Das ist sinnvoll und notwendig. Aber die Uhr ist nicht die Zeit selbst und die Zeit auf unserer Uhr ist nicht identisch mit dem natürlichen Rhythmus des Tages.

Die Sonne stellt ihre Uhren nicht um

Wenn wir im Herbst die Zeiger um eine Stunde zurückdrehen, verändert sich an der Bewegung der Erde nichts. Die Sonne geht nicht plötzlich anders auf, und auch der Sonnenuntergang folgt weiterhin dem Lauf der Jahreszeiten. Wir passen lediglich unsere offizielle Uhrzeit an. Im Herbst bedeutet das: Es wird morgens nach der Uhr früher hell und abends früher dunkel als am Tag zuvor. Im Frühjahr geschieht das Gegenteil. Die jahreszeitliche Veränderung der Tageslänge setzt sich unabhängig davon fort.

Die sogenannte Zeitumstellung ist also zunächst eine Veränderung unserer gesellschaftlichen Zeitordnung. Sie ist kein Eingriff in den Lauf der Natur.

Natürlich kann diese Verschiebung für Menschen spürbar sein. Der menschliche Körper hat seinen eigenen Rhythmus, und manche Menschen brauchen einige Tage, um sich an die neue Uhrzeit zu gewöhnen. Das sollte man ernst nehmen. Doch neben der Frage, welche Uhrzeit für unseren Alltag am günstigsten ist, gibt es eine andere Frage, die mir ebenso wichtig erscheint: Wie gehen wir eigentlich mit der natürlichen Zeit um?

Der Garten lehrt mich Geduld

Wer einen Garten pflegt, erlebt täglich, dass sich nicht alles nach dem Kalender oder nach der Uhr richten lässt. Die ersten Frühblüher erscheinen, wenn die Bedingungen stimmen. Knospen öffnen sich, Pflanzen wachsen, Früchte reifen. Manche Arbeiten dulden keinen Aufschub, andere brauchen Geduld. Und selbst wenn ich mir für einen Gartentag viel vorgenommen habe, gibt die Natur den Takt vor.

Herbstdeko mit Lampen - Der Gartenblog von Elisabeth Thesing-Bleck

wenn es früher dunkel wird, ist Zeit, dem Garten mit Lichtern und Laternen zu schmücken

Im Herbst wird das Licht anders. Die Tage werden kürzer, die Farben verändern sich, Samenstände bleiben stehen, und das Leben im Garten richtet sich auf die kommende Ruhezeit ein. Was im Sommer nach Wachstum und Fülle aussieht, weicht allmählich einer anderen Schönheit, der Schönheit des Vergehens, der Vorbereitung und des Wartens. Ich empfinde darin keinen Verlust, den es möglichst schnell auszugleichen gilt. Der Herbst hat seinen eigenen Wert. Er lädt dazu ein, genauer hinzusehen, langsamer zu werden und wahrzunehmen, was sich verändert. Im Gegensatz zum offiziellen Kalender beginnt im Herbst das neue Garten Jahr. Was wir in dieser Zeit in den Boden stecken, blüht erst im folgenden Frühjahr. Vielleicht können wir mit dem Blick daraufvon der Natur lernen, dass nicht jede Veränderung eine Störung ist. Manche Veränderungen gehören einfach zum Leben dazu.

Eine Stunde mehr – oder eine neue Perspektive?

Wenn wir die Uhren im Herbst zurückstellen, gewinnen wir keine zusätzliche Stunde Lebenszeit. Die Stunde wird lediglich anders auf der Uhr eingeordnet. Trotzdem lässt sich der Wechsel als Einladung verstehen, eine Stunde nicht nur als rechnerische Größe zu betrachten, sondern als Möglichkeit, den eigenen Tagesablauf neu wahrzunehmen.

  • Vielleicht gewinnt man am ersten  Nachmittag Zeit für einen Spaziergang, solange es hell ist.
  • Vielleicht entdecken wir, wie schön das Licht auf den letzten Blättern liegt.
  • Vielleicht nehmen wir uns Zeit für eine Tasse Tee, ein Gespräch oder einen Blick aus dem Fenster, ohne schon an den nächsten Termin zu denken.

Das sind keine Argumente, die jede Kritik an der Zeitumstellung entkräften. Ob die geltende Regelung sinnvoll ist, lässt sich anhand ihrer Auswirkungen auf Gesundheit, Alltag, Verkehr und Energieverbrauch diskutieren. Aber diese Sachdebatte muss uns nicht daran hindern, den Wechsel der Jahreszeit auch als etwas Positives zu erleben. Denn die Uhr sagt uns, wie spät es ist. Sie sagt uns nicht, wie wir unsere Zeit verbringen sollen.

Zeit ist mehr als Pünktlichkeit

Vielleicht liegt gerade darin eine kleine Chance des alljährlichen Rituals. Die Zeiger werden zurückgestellt, und für einen Augenblick sprechen wir wieder über die Zeit. Meist geht es dabei darum, ob wir eine Stunde gewinnen oder verlieren, ob wir früher aufstehen müssen und wann es abends dunkel wird. Doch Zeit hat noch eine andere Dimension. Sie besteht aus Erfahrungen, Begegnungen, Aufmerksamkeit und Erinnerung. Sie zeigt sich darin, ob wir etwas bewusst erleben oder nur möglichst schnell hinter uns bringen. Die Natur erinnert uns daran, dass Leben in Rhythmen verläuft. Auf den Sommer folgt der Herbst, auf die Blüte die Frucht, auf die Aktivität die Ruhe. Nicht alles lässt sich beschleunigen. Nicht alles muss jederzeit verfügbar sein. Vielleicht sollten wir deshalb den Herbst nicht nur als die Jahreszeit betrachten, in der es früher dunkel wird. Er ist auch eine Einladung, unsere Aufmerksamkeit neu auszurichten, weg von der Frage, was uns eine Stunde kostet, hin zu der Frage, was wir mit unserer Zeit anfangen.

Mein Wunsch für die Zeitumstellung

Zeitumstellung

Ich wünsche mir, dass wir die alljährliche Umstellung der Uhren zum Anlass nehmen, nicht nur über die Uhrzeit zu streiten, sondern auch über unser Verhältnis zur Zeit nachzudenken. Wir dürfen die praktische Frage nach Sommer- und Winterzeit stellen. Wir dürfen über gesundheitliche Belastungen sprechen und darüber, welche Regelung für unseren Alltag die beste wäre. Aber wir müssen uns nicht jedes Mal von der Vorstellung leiten lassen, dass eine Veränderung grundsätzlich etwas Schlechtes sei.

Die Sonne geht ihren Weg. Die Jahreszeiten wechseln. Danach richtet sich mein Garten, ja.  Mein Garten verändert sich mit dem Lauf der Sonne. Und ich verändere mich mit ihm. Das lässt sich nicht mit einem Dreh am Zeiger aufhalten, vielleicht muss es das auch gar nicht.

Die Uhr können wir umstellen. Die Zeit selbst können wir nicht anhalten. Aber wir können lernen, bewusster mit ihr umzugehen!

Vielleicht ist das die schönste Einladung, die uns der Herbst jedes Jahr aufs Neue macht.

 

 

 

Bilder:

© Gerd Altmann / Pixabay
© E. Thesing-Bleck

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